Daniel Dockery

animî nostrî dêbent interdum âlûcinâri

Home of published musician, recording artist, mathematician, programmer, translator, artist, classicist, and general polymath.

Rilke, “Auferweckung des Lazarus”

March 30th, 2012

The poem (January, 1913):

Also, das tat not für den und den,
weil sie Zeichen brauchten, welche schrieen.
Doch er träumte, Marthen und Marieen
müßte es genügen, einzusehn,
daß er könne. Aber keiner glaubte,
alle sprachen: Herr, was kommst du nun?
Und da ging er hin, das Unerlaubte
an der ruhigen Natur zu tun.
Zürnender. Die Augen fast geschlossen,
fragte er sie nach dem Grab. Er litt.
Ihnen schien es, seine Tränen flossen,
und sie drängten voller Neugier mit.
Noch im Gehen war ihm ungeheuer,
ein entsetzlich spielender Versuch,
aber plötzlich brach ein hohes Feuer
in ihm aus, ein solcher Widerspruch
gegen alle ihre Unterschiede,
ihr Gestorben-, ihr Lebendigsein,
daß er Feindschaft war in jedem Gliede,
als er heiser angab: Hebt den Stein!
Eine Stimme rief, daß er schon stinke,
(denn er lag den vierten Tag)—doch Er
stand gestrafft, ganz voll von jenem Winke,
welcher stieg in ihm und schwer, sehr schwer
ihm die Hand hob—(niemals hob sich eine
langsamer als diese Hand und mehr)
bis sie dastand, scheinend in der Luft;
und dort oben zog sie sich zur Kralle:
denn ihn graute jetzt, es möchten alle
Toten durch die angesaugte Gruft
wiederkommen, wo es sich herauf
raffte, larvig, aus der graden Lage—
doch dann stand nur Eines schief im Tage,
und man sah: das ungenaue vage
Leben nahm es wieder mit in Kauf.

Translation, “The Resurrection of Lazarus”:

Thus was it necessary for the common man,
who needed unsubtle, screaming signs.
Yet for Martha and Mary, he dreamed,
it would suffice them to see
that he could. But not for these;
they all asked: Lord, why come now?
And therefore he went, to work
the forbidden upon tranquil nature.
Angrily. With eyes mostly shut,
he asked them of the grave. He suffered.
To them, his tears seemed to flow,
and they thronged curiously around.
Even as they went, it was monstrous
to him, a horrible, pointless test,
but suddenly a great fire arose
within him, such a contradiction
against all their distinctions,
their being dead, their being alive,
that he was hostility in every limb
when hoarsely, he instructed: lift the stone!
Someone called out that he’d be stinking—
he’d been entombed four days—but He
stood tensed, suffused with the gesture
which rose in him and heavily, so heavily
raised his hand (never has raised
a hand more slowly than this)
until it stood there, shining in the air,
and hovering, clenched into a fist:
for the idea terrified him now, that
all the dead might wish to return
through the pull of the open tomb
where the larval corpse had gathered up
itself from the death posture—
but then stood only One slumped in the day,
and one saw: vague, uncertain
life received it back without complaint.

Rilke, “Der Nachbar”

February 2nd, 2012

The poem, from Das Buch der Bilder:

Fremde Geige, gehst du mir nach?
In wieviel fernen Städten schon sprach
deine einsame Nacht zu meiner?
Spielen dich hunderte? Spielt dich einer?

Gibt es in allen grossen Städten
solche, die sich ohne dich
schon in den Flüssen verloren hätten?
Und warum trifft es immer mich?

Warum bin ich immer der Nachbar derer,
die dich bange zwingen zu singen
und zu sagen: Das Leben ist schwerer
als die Schwere von allen Dingen.

The translation, “The Neighbor”:

Strange violin, are you following me?
Already, in how many distant cities
has your lonely night spoken to mine?
Are hundreds playing you? Only one?

Are there such men in all great cities,
who without you would already
have lost themselves in the rivers?
And why does it always hit me?

Why am I always the neighbor
of those who anxiously force you
to sing and to say: Life is harder
than the heaviness of all things.

Hesse

October 27th, 2011

From Narziß und Goldmund, chapter 20:

»Laß es mich dir heute sagen, wie sehr ich dich liebe, wieviel du mir immer gewesen bist, wie reich du mein Leben gemacht hast. Es wird dir nicht sehr viel bedeuten. Du bist an Liebe gewohnt, sie ist für dich nichts Seltenes, du bist von so vielen« [Menschen] »geliebt und verwöhnt worden. Für mich ist es anders. Mein Leben ist arm an Liebe gewesen, es hat mir am Besten gefehlt.« […] »Wenn ich weiß, was Liebe ist, so ist es deinetwegen. Dich habe ich lieben können, dich allein unter den« [Frauen]. »Du kannst nicht ermessen, was das bedeutet. Es bedeutet den Quell in einer Wüste, den blühenden Baum in einer Wildnis. Dir allein danke ich es, daß mein Herz nicht verdorrt ist, daß eine Stelle in mir blieb, die von der Gnade erreicht werden kann.«

Translation:

“Let me tell you today how much I love you, how much you have always meant to me, how rich you have made my life. It will not mean much to you. You’re used to love, it’s not unusual for you—so many” [people] “have loved and spoiled you. For me it’s otherwise. My life has been poor in love; I have missed the best of it.” […] “If I know what love is, it’s because of you. I have been able to love you, you alone among” [women]. “You can’t understand what that means. It’s a spring in a desert, a tree blossoming in the wilderness. It’s thanks to you alone that my heart has not dried up, that there remains in me a place that can be touched by grace.”

Hermann Hesse, from Steppenwolf

October 22nd, 2011

Text:

Es ist eine schöne Sache um die Zufriedenheit, um die Schmerzlosigkeit, um diese erträglichen geduckten Tage, wo weder Schmerz noch Lust zu schreien wagt, wo alles nur flüstert und auf Zehen schleicht. Nur steht es mit mir leider so, daß ich gerade diese Zufriedenheit gar nicht gut vertrage, daß sie mir nach kurzer Dauer unausstehlich verhaßt und ekelhaft wird und ich mich verzweiflungsvoll in andre Temperaturen flüchten muß, womöglich auf dem Wege der Lustgefühle, nötigenfalls aber auch auf dem Wege der Schmerzen. Wenn ich eine Weile ohne Lust und ohne Schmerz war und die laue, fade Erträglichkeit sogenannter guter Tage geatmet habe, dann wird mir in meiner kindischen Seele so windig weh und elend, daß ich die verrostete Dankbarkeitsleier dem schläfrigen Zufriedenheitsgott ins zufriedene Gesicht schmeiße und lieber einen rechten teuflischen Schmerz in mir brennen fühle als diese bekömmliche Zimmertemperatur. Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, irgend etwas kaputt zu schlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst, verwegene Dummheiten zu begehen, ein paar verehrten Götzen die Perücken abzureißen, ein paar rebellische Schulbuben mit der ersehnten Fahrkarte nach Hamburg auszurüsten, ein kleines Mädchen zu verführen oder einigen Vertretern der bürgerlichen Weltordnung das Gesicht ins Genick zu drehen. Denn dies haßte, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen.

Translation:

It is a beautiful thing about contentment, about painlessness, on these tolerable crouching days, when neither pain nor desire risk crying out, when everything only whispers and creeps about on tip-toe. Unfortunately, it’s just this sort of contentment that I can’t tolerate well; after a short time, it becomes unbearably hateful and repulsive to me and I must escape my despair in other climes, possibly on the path of pleasure, or if necessary on the path of pain. When I have neither pleasure nor pain for a while and have breathed the stale, lukewarm tolerability of so-called good days, then my childish soul hurts so miserably that I throw the rusty lyre of thanksgiving into the face of the drowsy god of contentment and would rather feel the pain of the devil burning in me than this wholesome room temperature. Then burns in me a wild craving for strong emotions, sensations, a rage against this shaded, flat, standardized and sterilized life and a frenzied desire to smash something to pieces, perhaps a store or a cathedral or myself, daring to commit stupidities, to destroy a few revered idols, to encourage a few schoolboys to some delinquency, to seduce a young girl, or to overturn some representative of the bourgeois world order. For these I hated, loathed and cursed above all, but especially this contentment, this health and comfort, this carefully constructed optimism of the middle classes, this fat, prosperous breeding of mediocrity, normalcy, the average.

Hermann Hesse, “Regenwetter”

June 6th, 2011

Hermann Hesse, Wanderung: Aufzeichnungen (1920), “Regenwetter”, p. 71:

Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Du kannst nicht ein Vagabund und Künstler, und daneben auch noch ein Bürger und wohlanständiger Gesunder sein. Du willst den Rausch haben, so habe auch den Katzenjammer! Sagst du Ja zum Sonnenschein und den holden Phantasten/Phantasien, so sage auch Ja zum Schmutz und Ekel! Alles das ist in dir, Gold und Dreck, Lust und Pein, Kinderlachen und Todesangst. Sag Ja zu allem, drücke dich um nichts, suche nichts hinwegzulügen! Du bist kein Bürger, du bist auch kein Grieche, du bist nicht harmonisch und Herr deiner selbst, du bist ein Vogel im Sturm. Laß stürmen! Laß dich treiben! Wie viel hast du gelogen! Wie tausendmal hast du, auch in deinen Gedichten und Büchern, den Harmonischen und Weisen gespielt, den Glücklichen, den Abgeklärten! So haben sie im Krieg beim Angriff die Helden gespielt, während die Eingeweide zuckten! Herrgott, was für ein armer Äff und Spiegelfechter ist der Mensch—zumal der Künstler—zumal der Dichter—zumal ich!

Translation:

By contrast, there’s no cure for it. You can’t be a vagabond and artist and still be a wholesome, respectable citizen. You want the intoxication, you have to take the hangover. You say Yes to the sunshine and sweet fantasies, you also say Yes to the filth and disgust! All of it is in you: gold and muck, pleasure and pain, childhood laughter and the fear of death. Say Yes to everything, give up nothing, lie about nothing! You’re not a good citizen, you’re also not a Stoic, you’re not balanced and master of yourself, you’re a bird in a storm. Let it storm! Let it guide you! How much you’ve lied! A thousand times, even in your poems and books, you’ve played the well-adjusted and wise man, the happy and contented man! The same way men in war played heroes while their stomachs churned! My god, what a pathetic ape and mirror-fencer man is—especially the artist—especially the poet—especially me!

The cultural significance of the loss of myth

February 1st, 2011

Reading Nietzsche’s The Birth of Tragedy out of the Spirit of Music (1872), I was somewhat taken by this passage:

Ohne Mythus aber geht jede Cultur ihrer gesunden schöpferischen Naturkraft verlustig: erst ein mit Mythen umstellter Horizont schliesst eine ganze Culturbewegung zur Einheit ab.

[…]

Man stelle jetzt daneben den abstracten, ohne Mythen geleiteten Menschen, die abstracte Erziehung, die abstracte Sitte, das abstracte Recht, den abstracten Staat: man vergegenwärtige sich das regellose, von keinem heimischen Mythus gezügelte Schweifen der künstlerischen Phantasie: man denke sich eine Cultur, die keinen festen und heiligen Ursitz hat, sondern alle Möglichkeiten zu erschöpfen und von allen Culturen sich kümmerlich zu nähren verurtheilt ist—das ist die Gegenwart, als das Resultat jenes auf Vernichtung des Mythus gerichteten Sokratismus. Und nun steht der mythenlose Mensch, ewig hungernd, unter allen Vergangenheiten und sucht grabend und wühlend nach Wurzeln, sei es dass er auch in den entlegensten Alterthümern nach ihnen graben müsste. Worauf weist das ungeheure historische Bedürfniss der unbefriedigten modernen Cultur, das Umsichsammeln zahlloser anderer Culturen, das verzehrende Erkennenwollen, wenn nicht auf den Verlust des Mythus, auf den Verlust der mythischen Heimat, des mythischen Mutterschoosses? Man frage sich, ob das fieberhafte und so unheimliche Sichregen dieser Cultur etwas Anderes ist als das gierige Zugreifen und Nach-Nahrung-Haschen des Hungernden—und wer möchte einer solchen Cultur noch etwas geben wollen, die durch alles, was sie verschlingt, nicht zu sättigen ist und bei deren Berührung sich die kräftigste, heilsamste Nahrung in “Historie und Kritik” zu verwandeln pflegt?

To put it in English,

Without myth every culture loses the healthy natural power of its creativity: only a horizon defined by myths completes and unifies a whole cultural movement.

[…]

By way of comparison let us picture an abstract man, untutored by myth; abstract education; abstract morality; abstract law; the abstract state; let us imagine the lawless roving of the artistic imagination, unchecked by any native myth; let us think of a culture that has no fixed, primordial site but is doomed to exhaust all possibilities and to nourish itself wretchedly on all other cultures—there we have the present age, the result of that Socratism which is bent on the destruction of myth. And now the mythless man stands eternally hungry, surrounded by all past ages, and digs and grubs for roots, even if he has to dig for them among the most remote antiquities. The tremendous historical need of our unsatisfied modern culture, the assembling around one of countless other cultures, the consuming desire for knowledge—what does all this point to, if not to the loss of myth, the loss of the mythical home, the mythical maternal womb? Let us ask ourselves whether the feverish and uncanny excitement of this culture is anything but the greedy seizing and snatching at food of a hungry man—and who would care to contribute anything to a culture that cannot be satisfied no matter how much it devours, and at whose contact the most vigorous and wholesome nourishment is changed into “history and criticism”?

Hermann Hesse, “Ohne dich”

June 16th, 2009

The poem:

Mein Kissen schaut mich an zur Nacht
leer wie ein Totenstein;
So bitter hatt ich’s nie gedacht,
Allein zu sein
Und nicht in deinem Haar gebettet sein!

Ich lieg allein im stillen Haus,
die Ampel ausgetan,
Und strecke sacht die Hände aus,
die deinen zu umfahn,
Und dränge leis den heißen Mund
Nach Dir und küss mich matt und wund—
und plötzlich bin ich aufgewacht
und ringsum schweigt die kalte Nacht,
der Stern im Fenster schimmert klar—
o du, wo ist dein blondes Haar,
wo ist dein süßer Mund?

Nun trink ich Weh in jeder Lust
Und Gift in jedem Wein;
So bitter hat ich’s nie gewußt,
allein zu sein,
allein und ohne dich zu sein!

The translation, “Without you”:

My pillow watches me in the night
vacant as a grave stone;
I never imagined it would be so bitter
to be alone,
and not entangled in your hair.

I lie alone in a quiet house,
the light gone out,
and gently extend my hands
to reach for yours,
and softly press an impassioned mouth
toward you… but kiss only myself, dull and hurting—
and suddenly I’m awake,
embraced only by the silence of the cold night.
A star shines clearly through the window—
Oh, where is your blonde hair,
where’s your sweet mouth?

Now I drink woe in every want
and poison in every wine;
I never knew it would be so bitter
to be alone,
to be alone without you.

Rilke, “Herr: es ist Zeit”

May 27th, 2009

The poem (from Das Buch der Bilder):

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

The translation:

Lord, it is time. The summer was very long.
Now let your shadow fall across the dials,
and let the winds blow down the halls.

Instruct the final fruits to ripen;
give them yet two more days of warmth,
urge them toward fullness and chase
the final sweetness into the heavy wine.

Who has no house now, has no more time to build one.
Who is now alone, will remain so a long time,
will lie awake, read, write long letters
and will restlessly wander up and down
the lanes, while the leaves are drifting.

Daniel Dockery

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