Daniel Dockery

animî nostrî dêbent interdum âlûcinâri

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Hesse

October 27th, 2011

From Narziß und Goldmund, chapter 20:

»Laß es mich dir heute sagen, wie sehr ich dich liebe, wieviel du mir immer gewesen bist, wie reich du mein Leben gemacht hast. Es wird dir nicht sehr viel bedeuten. Du bist an Liebe gewohnt, sie ist für dich nichts Seltenes, du bist von so vielen« [Menschen] »geliebt und verwöhnt worden. Für mich ist es anders. Mein Leben ist arm an Liebe gewesen, es hat mir am Besten gefehlt.« […] »Wenn ich weiß, was Liebe ist, so ist es deinetwegen. Dich habe ich lieben können, dich allein unter den« [Frauen]. »Du kannst nicht ermessen, was das bedeutet. Es bedeutet den Quell in einer Wüste, den blühenden Baum in einer Wildnis. Dir allein danke ich es, daß mein Herz nicht verdorrt ist, daß eine Stelle in mir blieb, die von der Gnade erreicht werden kann.«

Translation:

“Let me tell you today how much I love you, how much you have always meant to me, how rich you have made my life. It will not mean much to you. You’re used to love, it’s not unusual for you—so many” [people] “have loved and spoiled you. For me it’s otherwise. My life has been poor in love; I have missed the best of it.” […] “If I know what love is, it’s because of you. I have been able to love you, you alone among” [women]. “You can’t understand what that means. It’s a spring in a desert, a tree blossoming in the wilderness. It’s thanks to you alone that my heart has not dried up, that there remains in me a place that can be touched by grace.”

Hermann Hesse, from Steppenwolf

October 22nd, 2011

Text:

Es ist eine schöne Sache um die Zufriedenheit, um die Schmerzlosigkeit, um diese erträglichen geduckten Tage, wo weder Schmerz noch Lust zu schreien wagt, wo alles nur flüstert und auf Zehen schleicht. Nur steht es mit mir leider so, daß ich gerade diese Zufriedenheit gar nicht gut vertrage, daß sie mir nach kurzer Dauer unausstehlich verhaßt und ekelhaft wird und ich mich verzweiflungsvoll in andre Temperaturen flüchten muß, womöglich auf dem Wege der Lustgefühle, nötigenfalls aber auch auf dem Wege der Schmerzen. Wenn ich eine Weile ohne Lust und ohne Schmerz war und die laue, fade Erträglichkeit sogenannter guter Tage geatmet habe, dann wird mir in meiner kindischen Seele so windig weh und elend, daß ich die verrostete Dankbarkeitsleier dem schläfrigen Zufriedenheitsgott ins zufriedene Gesicht schmeiße und lieber einen rechten teuflischen Schmerz in mir brennen fühle als diese bekömmliche Zimmertemperatur. Es brennt alsdann in mir eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust, irgend etwas kaputt zu schlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst, verwegene Dummheiten zu begehen, ein paar verehrten Götzen die Perücken abzureißen, ein paar rebellische Schulbuben mit der ersehnten Fahrkarte nach Hamburg auszurüsten, ein kleines Mädchen zu verführen oder einigen Vertretern der bürgerlichen Weltordnung das Gesicht ins Genick zu drehen. Denn dies haßte, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behaglichkeit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen.

Translation:

It is a beautiful thing about contentment, about painlessness, on these tolerable crouching days, when neither pain nor desire risk crying out, when everything only whispers and creeps about on tip-toe. Unfortunately, it’s just this sort of contentment that I can’t tolerate well; after a short time, it becomes unbearably hateful and repulsive to me and I must escape my despair in other climes, possibly on the path of pleasure, or if necessary on the path of pain. When I have neither pleasure nor pain for a while and have breathed the stale, lukewarm tolerability of so-called good days, then my childish soul hurts so miserably that I throw the rusty lyre of thanksgiving into the face of the drowsy god of contentment and would rather feel the pain of the devil burning in me than this wholesome room temperature. Then burns in me a wild craving for strong emotions, sensations, a rage against this shaded, flat, standardized and sterilized life and a frenzied desire to smash something to pieces, perhaps a store or a cathedral or myself, daring to commit stupidities, to destroy a few revered idols, to encourage a few schoolboys to some delinquency, to seduce a young girl, or to overturn some representative of the bourgeois world order. For these I hated, loathed and cursed above all, but especially this contentment, this health and comfort, this carefully constructed optimism of the middle classes, this fat, prosperous breeding of mediocrity, normalcy, the average.

Hermann Hesse, “Regenwetter”

June 6th, 2011

Hermann Hesse, Wanderung: Aufzeichnungen (1920), “Regenwetter”, p. 71:

Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Du kannst nicht ein Vagabund und Künstler, und daneben auch noch ein Bürger und wohlanständiger Gesunder sein. Du willst den Rausch haben, so habe auch den Katzenjammer! Sagst du Ja zum Sonnenschein und den holden Phantasten/Phantasien, so sage auch Ja zum Schmutz und Ekel! Alles das ist in dir, Gold und Dreck, Lust und Pein, Kinderlachen und Todesangst. Sag Ja zu allem, drücke dich um nichts, suche nichts hinwegzulügen! Du bist kein Bürger, du bist auch kein Grieche, du bist nicht harmonisch und Herr deiner selbst, du bist ein Vogel im Sturm. Laß stürmen! Laß dich treiben! Wie viel hast du gelogen! Wie tausendmal hast du, auch in deinen Gedichten und Büchern, den Harmonischen und Weisen gespielt, den Glücklichen, den Abgeklärten! So haben sie im Krieg beim Angriff die Helden gespielt, während die Eingeweide zuckten! Herrgott, was für ein armer Äff und Spiegelfechter ist der Mensch—zumal der Künstler—zumal der Dichter—zumal ich!

Translation:

By contrast, there’s no cure for it. You can’t be a vagabond and artist and still be a wholesome, respectable citizen. You want the intoxication, you have to take the hangover. You say Yes to the sunshine and sweet fantasies, you also say Yes to the filth and disgust! All of it is in you: gold and muck, pleasure and pain, childhood laughter and the fear of death. Say Yes to everything, give up nothing, lie about nothing! You’re not a good citizen, you’re also not a Stoic, you’re not balanced and master of yourself, you’re a bird in a storm. Let it storm! Let it guide you! How much you’ve lied! A thousand times, even in your poems and books, you’ve played the well-adjusted and wise man, the happy and contented man! The same way men in war played heroes while their stomachs churned! My god, what a pathetic ape and mirror-fencer man is—especially the artist—especially the poet—especially me!

Hermann Hesse, “Ohne dich”

June 16th, 2009

The poem:

Mein Kissen schaut mich an zur Nacht
leer wie ein Totenstein;
So bitter hatt ich’s nie gedacht,
Allein zu sein
Und nicht in deinem Haar gebettet sein!

Ich lieg allein im stillen Haus,
die Ampel ausgetan,
Und strecke sacht die Hände aus,
die deinen zu umfahn,
Und dränge leis den heißen Mund
Nach Dir und küss mich matt und wund—
und plötzlich bin ich aufgewacht
und ringsum schweigt die kalte Nacht,
der Stern im Fenster schimmert klar—
o du, wo ist dein blondes Haar,
wo ist dein süßer Mund?

Nun trink ich Weh in jeder Lust
Und Gift in jedem Wein;
So bitter hat ich’s nie gewußt,
allein zu sein,
allein und ohne dich zu sein!

The translation, “Without you”:

My pillow watches me in the night
vacant as a grave stone;
I never imagined it would be so bitter
to be alone,
and not entangled in your hair.

I lie alone in a quiet house,
the light gone out,
and gently extend my hands
to reach for yours,
and softly press an impassioned mouth
toward you… but kiss only myself, dull and hurting—
and suddenly I’m awake,
embraced only by the silence of the cold night.
A star shines clearly through the window—
Oh, where is your blonde hair,
where’s your sweet mouth?

Now I drink woe in every want
and poison in every wine;
I never knew it would be so bitter
to be alone,
to be alone without you.

Daniel Dockery

animî nostrî dêbent interdum âlûcinâri

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